Lehrer

Steffen Göttmann schreibt in der Märkischen Oderzeitung (MOZ) am 30.4.2013

Lebendige Vermittlung einer toten Sprache

Bad Freienwalde (MOZ) Hans-Jochen Krank-Hover, seit 22 Jahren Lehrer für Latein und Geschichte am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Bad Freienwalde, ist am Freitag in den Ruhestand verabschiedet worden. Schulleiterin Kristina Doerschel überreichte dem in Biesenthal lebenden Pädagogen die von Bildungsministerin Martina Münch (SPD) unterzeichnete Abschiedsurkunde und einen Blumenstrauß.

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Letzter Schultag: Kristina Doerschel, Schulleiterin des Brecht-Gymnasiums Bad Freienwalde, verabschiedet Hans-Jochen Krank-Hover, Lehrer für Geschichte und Latein, in den Ruhestand. Bild © Sören Tetzlaff.

 

Krank-Hover wurde am Sonntag 65 Jahre alt. "Ich hätte gerne noch den Kurs beendet", sagte Krank-Hover. Doch sein Verbleib bis zum Schuljahresende sehe der Gesetzgeber nicht vor, erklärte die Schulleiterin. Seine Nachfolge als Lateinlehrerin übernimmt Babette Göhner, die sich das Bad Freienwalder mit dem Seelower Gymnasium teilt. Die Verabschiedung stellte sich als kurzer Akt im Lehrerzimmer dar, bei dem auch Schülersprecherin Franziska Lukas dem scheidenden Lehrer die Hand drückte.

Als sich das Brecht-Gymnasium 1991 neu aufstellte und eine Stelle für einen Lateinlehrer ausschrieb, bewarb sich Krank-Hover, der damals noch in Berlin wohnte. Er erblickte 1948 im thüringischen Saalfeld das Licht der Welt. Die Familie kehrte bereits 1949 der DDR den Rücken. Über mehrere Stationen kam sie nach Frankfurt am Main, wo Hans-Jochen Krank-Hover aufwuchs. Der südhessische Dialekt ist ihm bis heute erhalten geblieben. In Frankfurt besuchte er die Realschule und lernte zuerst bei den Farbwerken Hoechst den Beruf eines Textillaboranten. Doch die Achtundsechziger Bewegung riss den jungen Facharbeiter mit. Er holte das Abitur nach und zog Anfang der siebziger Jahre nach Berlin, um dort ein Studium zu beginnen und nach der Wahrheit zu suchen. Zuerst kombinierte er Geschichte und Mathematik, dem folgte ein Philosophiestudium. Neben dem Studium spielt Krank-Hover in einer Szeneband mit und machte sich als Kabarettist einen Namen. Das Studium stand nicht so sehr im Vordergrund. Erst 1986 absolvierte er nach einem Geschichts- und Lateinstudium sein Staatsexamen.

Mit diesen Erfahrungen im Hintergrund gestaltete er die Schulstunden. Lateinunterricht - Vier Jahre lang und drei Stunden wöchentlich - ist freiwillig am Brecht-Gymnasium. "Man muss einen attraktiven Unterricht gestalten, damit die Schüler nicht abspringen", sagt Krank-Hover. Das ist ihm wohl vorzüglich gelungen. Denn mit dem Landtagsabgeordneten Marco Büchel (Linke) kam ein ehemaliger Schüler zur Verabschiedung. Einmal jährlich fuhr er mit den Schülern nach Rom, damit sie den Atem der römischen Geschichte spüren. Als Fachmoderator Latein begleitete er Kollegen, die von Russisch auf Latein umschulten.

Zur Ruhe setzen wird sich Hans-Jochen Krank-Hover wohl nicht. Mit seiner Frau, die jetzt ebenfalls in Ruhestand geht, will er das Winterhalbjahr künftig in Frankreich verbringen.

Unser Haus

Das Alte Schul- und Rektorhaus aus dem Jahre 1812 in der Schulstr. 32 (heute 32A+B)

"Wir [die preußische Regierung] warten schon lange vergebens, daß Ihr unsere Verfügungen in betreff der Regulierung des dortigen so tief gefallenen Schulwesens in Ausführung würdet gebracht haben ... Es ergehet daher an Euch hiermit die ernstliche Weisung, den Befehlen, die Superintendent Hoppe an Euch in unserm Namen erlassen hat, aufs Pünktlichste und ohne Säumen nachzukommen. Wofern Ihr Euch hierunter im mindesten saumselig erweisen solltet, werden wir uns nicht blos inbetreff des daraus entstehenden Schadens an Euch selbst halten, sondern auch auf Eure Kosten einen Kommissarius senden, welcher die Sache regulieren soll. Es ist nicht blos ein wahres Elend, sondern auch eine wahre Schande für Euere Stadt, daß Ihr solche erbärmliche Schulen habt, aus welchen für die Bildung so wenig Gewinn hervorgeht. Euere eigenen Vorstellungen bieten davon einen auffallenden Beweis."

"In diesem Jahre (1812) ist - schreibt Julius Meyer 1886 - das Schulhaus in seiner jetzigen Gestalt zu zwei Schulklassen und der Wohnung des Rektors bestehend, eingerichtet mit einem Kostenaufwand von 662 Rtlr. 13 Gr. 11 Pf."

Bis 1925 diente es als Schulhaus. Viele Jahre bis 1945 befand sich in diesem Haus der Kindergarten. Nach 1945 war es wiederum für kurze Zeit eine Schule, danach wieder Kindergarten. Später (1956/57) wurde es gänzlich zu sechs Wohnungen umgebaut und dazu der Dachboden ausgebaut und mit Gauben versehen. Nach der Wende (1990) stand das Haus einige Jahre leer. Ab 2000 ist das Haus in zwei Hälften geteilt und wird von zwei Familien bewohnt.

Das Schulhaus heute Straßenfront

Das Schul- und Rektorhaus heute

Leben

 

*1948 in der Sowjetischen Besatzungszone, Thüringen, Saalfeld an der Saale, Vater Elektromeister. Schulbeginn in der Bundesrepublik Deutschland, Rheinland-Pfalz, Holzhausen an der Haide. Realschule in Frankfurt-Hoechst, Hessen. Berufausbildung Textillaborant. Abitur am Hessenkolleg Rüsselsheim. Studium an der Freien und an der Technischen Universität Berlin. Kabarett Die 3 Tornados 1977-1981 mit Günter Thews und Arnulf Rating. Erstes und zweites Staatsexamen Latein und Geschichte. Von 1991 bis 2013 Lehrer (Latein, Geschichte) am Gymnasium Bad Freienwalde in Brandenburg. Als Rentner lebt er in Berlin und Biesenthal.

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Tornado

Ulf Grieger schreibt im Wochenend-Magazin 'Journal' der Märkischen Oderzeitung (MOZ) vom 15./16. Januar 2005:

Der "Tornado" ist ruhiger geworden

Früher war Jochen Krank-Hover ein wilder West-Berliner Szenekabarettist mit Spaß an der Provokation und am Klamauk.
Heute lebt er in Biesenthal und unterrichtet in Bad Freienwalde Latein. Die alten Zeiten aber mag er nicht missen / 
Von Ulf Grieger

Die Lateinschüler des Bad Freienwalder Gymnasiums haben einen ganz besonderen Lehrer. Auf seiner Internet-Seite geben sie ihre Ansichten preis. Vertrauen spricht aus ihren Sätzen, auf das manche Eltern neidisch sein könnten. Wobei der Lehrer bemüht ist, etwas Distanz zu wahren: „Ich selbst bin kein Thema im Gästebuch", warnt dort sein Einspruch. Vor allem interessieren sich seine Schüler für die Jahre von 1977 bis 1981, in denen ihr Lehrer gemeinsam mit den Theaterwissenschaftsstudenten Arnulf Rating und Günther Thews als „Die 3 Tornados" politisches Kabarett machte. „Es war ja auch eine spannende Zeit. Alles wurde in Frage gestellt", erinnert sich Jochen Krank-Hover. „Später hat sich alles wieder stabilisiert. Aber wer weiß? Vielleicht gerät wieder etwas in Bewegung. Es sind neue Generationen da, die die Fragen neu stellen können."

Foto: GMD/Hannelore Siebenhaar

Im thüringischen Saalfeld, einem mehr als 1100-jährigen Städtchen, das in der DDR vor allem wegen seiner Schokoladenproduktion bekannt war, stand die Wiege des 56-Jährigen. Zwar verließ die Familie bereits 1949 die DDR und zog über mehrere Stationen nach Frankfurt am Main um. Doch die DDR hatte sich dem Heranwachsenden eingeprägt. Da gab es die Großmutter in Saalfeld, die ängstlich das Fenster schloss, wenn der Besuch aus dem Westen die Filmmusik der "Brücke am Kwai" im Radio aufdrehte. "Ich erinnere mich gut an die Fahnenappelle meiner Cousins am ersten Schultag nach den Ferien. Ich war erschrocken, dass die Schüler dort Selbstkritik vor allen andern zu leisten hatten", sagt der heute in Biesenthal bei Bernau im alten Schulhaus wohnende Pädagoge. Solche Erlebnisse prägen.

Jochen Krank, wie er damals hieß, absolvierte die Realschule, erlernte bei den Farbwerken Hoechst den Beruf des Textillaboranten und würde, vielleicht noch immer im Glauben, in der Besten aller möglichen Welten zu leben, heute noch Plastebecher herstellen. Wenn da nicht die Achtundsechziger-Bewegung auch die Hoechst-Werktore erreicht hätte. "Studenten haben Flugblätter verteilt. Sie sprachen von permanenter Revolution, von Proletariat und Überbau. Von der Arbeiterklasse, die ihre Ketten doch nur abzuschütteln braucht. Ich verstand von alledem gar nichts". gesteht Krank. Das war der eigentliche Stachel. Die studentische Losung "Bildung für alle!" übte eine solche Faszination auf den frischgebackenen Facharbeiter aus, dass er sich eines vornahm: Ich will gebildet werden. Am Hessen-Kolleg holte er das Abitur nach. Und abends, in den Kneipen, gingen die Diskussionen weiter. Jochen Krank, der Saxophon, Gitarre und Akkordeon spielte, verdiente sich in der Softrockband „Shatters" neben Geld auch eine Menge an Szene-Erfahrung hinzu.

Der Einstieg in die Welt der Wahrheitssucher begann an der Berliner Freien Universität mit Mathematik und Geschichte und endete nach acht Semestern mit der Enttäuschung, dass sich die so klar und fest gebende Mathematik kaum dazu eignet, die Wahrheit kennen zu lernen. Der nächste Anlauf an der Technischen Uni Berlin, diesmal in Philosophie, schien da viel versprechender. Sogar das Promotionsthema gab es bereits: die marxistische Hegelinterpretation, Titel: Der Einfluss von Hegels Logik auf die Entstehung der Kritik der politischen Ökonomie. Dass dasselbe Thema zur gleichen Zeit an der Berliner Humboldt-Uni ebenso Konjunktur hatte, war dem angehenden Westberliner Akademiker entgangen.

Sein Studium hatte er, wie er sich erinnert, allerdings nicht so sehr auf einen Abschluss hin ausgerichtet. "Wichtig war der Status, Student zu sein und viel zu bewegen." Beim Studentenstreik 1977 gegen den Radikalenerlass schlug dann die Geburtsstunde für "Die 3 Tornados". In Westberlin und der BRD stehen der Kampf für die studentische Mitbestimmung und gegen den Nato-Doppelbeschluss auf der Tagesordnung. Nachdem Arnulf Rating und Günther Thews bereits am 19. Februar 1977 mit drei Stücken gegen den Bau eines Atomkraftwerks Erfahrungen gesammelt hatten, folgte am 25. April der erste gemeinsame Auftritt mit Jochen Krank. Das war in der Kreuzberger Szenekneipe "Godoth".

Von Anbeginn waren die Tornados Teil der linken Bewegung. Was nicht heißt, dass sie plakativ nur das inszeniert hätten, was die Diskussionsredner ohnehin zum Ausdruck brachten. Sie zogen nicht nur gegen Rassisten, Militaristen und Atomkraftwerke zu Felde, sondern auch gegen dogmatische und erstarrende Tendenzen in der linken Szene. Auftrittsorte werden Szenekneipen, besetzte Häuser, Versammlungen, Streiks, Demonstrationen. Über alles durfte gelacht werden, sogar über die Friedensbewegung, wenn deren Vertreter im "Spielregelausschuss" mit dem Polizeipräsidenten die nächste Blockade planen: "Also, wir haben uns gedacht, pünktlich um 15 Uhr an der Absperrung zu rütteln."- "Reicht es Ihnen nicht, wenn Sie entschieden dagegen anblicken?"

Beliebt war der Trick. bekannte Schlagermelodien mit treffsicheren Texten zu munitionieren. So ist aus der Melodie der Kinderfilmserie "Flipper" der größte Tornado-Hit geworden - "Der Kontaktbereichsbeamte": "Ein jeder kennt ihn, er wird schnell intim", heißt es da über das von manchen so gesehene Westberliner ABV-Äquivalent.

 

Der "ewige Student"
schaffte 1986
sein Staatsexamen


Bereits 1981 verließ Jochen Krank "Die 3 Tornados". Zum einen, weil es künstlerische Meinungsverschiedenheiten gab. Sollte es mehr in die Richtung Comedy und Klamauk gehen oder war eine künstlerisch anspruchsvollere Form nötig? Er selbst hätte die ruhigeren Töne bevorzugt. Und schließlich war er selbst bereits 33 Jahre alt. Auch für ihn persönlich stand die Entscheidung an, wie die Kollegen lebenslang Kabarett zu machen oder noch einmal etwas Neues zu beginnen und der Bühne zu entsagen. Der "ewige Student" schaffte 1986 sein Staatsexamen nach dem Latein- und Geschichtsstudium. Während der Wendejahre war er in Berlin Lehrer in der Berufsvorbereitung und im Förderunterricht. "Als die Mauer fiel, waren wir zu Hause in unserer Wohnung am Schöneber ger Crelle-Markt. Wir wohnten im 4. Stock. Mit dem Fernglas haben wir auf dass Brandenburger Tor gesehen." Erschrocken nahm er zur Kenntnis, dass mit einem Mal alle Regale in den Supermärkten leer waren. "Wir hatten 1980 einen Farbfilm gedreht, den die Off-Kinos immer zu Weihnachten zeigten. Er hieß ,Geschenke für alle'. Eine satirische Reflexion auf den Schlachtruf "Bildung für alle". Der Film schildert die für utopisch gehaltene Situation, wenn die Grenze offen ist und alle Ostdeutschen ins KaDeWe stürmen. "Der Film hatte sich jetzt erledigt. Es war so gekommen."Auch gerichtliche Auseinandersetzungen gab es. Die Tornados wurden beschuldigt, religiöse Gefühle zu verletzen. Bei einem Krippenspiel wurde die Frage aufgeworfen, wie die Jungfrau zum Kinde kam. Maria: "Du, Joseph, ich hab' meine Tage nicht gekriegt ..." Joseph: Was? Wie heißt der Typ? Dem polier' ich die Fresse!" Mit starker publizistischer Begleitung stellten die Tornados vor Gericht den Antrag, die Zuständigkeit ans Jüngste Gericht zu verweisen. Erst in dritter Instanz wurden sie freigesprochen.

Über alles durfte gelacht werden: "Die 3 Tornados" 1981 mit Günther Thews, Jochen Krank und
Arnulf Rating (v.l.) bei einem Auftritt in Berlin-Kreuzberg. Foto: Peter Gruchot

Die nächste Wendung im Leben des Jochen Krank: Jedes Wochenende besucht er die Dörfer rings um Berlin und schwelgt in Erinnerungen: "Alles war noch so ursprünglich. Die Alleen, die alten Häuser: Für uns galt es, eine terra incognita zu erobern", erinnert er sich an die Zeit, da er sich auf die Erinnerungsreise machte und nach einigem Zögern eine Lateinlehrerstelle am Bad Freienwalder Gymnasium annahm. Seine Frau Monika hatte bereits eine Stelle im Hennigsdorfer Bildungszentrum, einer Auffangstation für entlassene Stahlarbeiter, erhalten. Jochen Krank-Hover - so heißt er seit seiner Heirat - setzte auf Bad Freienwalde, die alte Kreis- und Kurstadt mit dem Gilly-Schloss und Rathenauerbe. Und obwohl sich in Ostdeutschland nicht alles so rosig entwickelt hat, wie von manchem erwartet, bereut der einstige "Tornado" es nicht, in den Osten gegangen zu sein. Er ist stolz auf seine Erfahrungen: "In unserem alten Bekanntenkreis gibt es welche, denen die Mentalität der Ostdeutschen fremder geblieben ist als die in der Türkei."

Für mehrere Schülergenerationen ist "Kränki" ein ganz spezieller Lehrer geblieben. Wenn sie in Amerika oder Australien als Austauschschüler sind, ist der Kontakt mit seiner Home-Page im Internet auch Heimatpflege geworden. "Ich habe keine Berührungsängste mit meinen Schülern. Man muss informell mit ihnen in Kontakt bleiben", begründet er seine offen gestaltete Home-Page. Dass da auch mal Sätze stehen, wie "Na, Ihre Klausur gerade eben hätten sie sich auch sparen können!", tut dem keinen Abbruch. Schüler-Projekte wie "Law and order", in denen die Rechte der Lehre und Schüler analysiert werden, tragen dazu bei, die Schüler selbstbewusster zu machen. Und mit einem Punkt schließt sich auch der Kreis zum jungen Laboranten, dem am Werktor von Hoechst einst die geistige Hinterwälderschaft bewusst wurde: "Ich rate meinen Schülern immer, Bildung als persönliche Bereicherung anzusehen. Leute, studiert!"

Impressum

Hans-Jochen Krank-Hover

Schulstraße 32A
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